„Wenn man vorne Fehler macht, wird es hinten nichts mehr“ – worauf es beim Gerstenanbau ankommt

Ernst-Otto und Claudia Rüdinger bauen in Wallertheim Gerste an – das Korn, aus dem BESTMALZ seine Qualitätsmalze herstellt. Und sie erzeugen auch Wein – auf den ersten Blick eine ungewöhnliche Kombination, jedoch in Rheinhessen nicht unüblich. Wein und Gerste haben durchaus ähnliche Anforderungen: Beide brauchen viel Wärme, viel Sonne und einen Boden, der mit wenig Niederschlag auskommt. BESTMALZblog hat den langjährigen Lieferpartner von BESTMALZ zu seinem Alltag und den Herausforderungen des Gerstenanbaus befragt.

Der Hof der Rüdingers besteht seit dem 18. Jahrhundert und ist bis heute in Familienbesitz. Der gelernte Landwirt Ernst-Otto Rüdinger übernahm den elterlichen Betrieb im Jahr 1983, „es war von Kindheit an schon immer klar, dass ich den Hof übernehme“ – und auch die nachfolgende Generation steht schon in den Startlöchern: Sein Sohn Sven, staatlich geprüfter Wirtschafter Fachrichtung Weinbau und Oenologie, wird den Betrieb eines Tages übernehmen. Ernst-Otto Rüdingers Frau Claudia kommt ursprünglich aus der Pferdezucht. Die gelernte Pferdewirtschaftsmeisterin ist voll in den familiären Betrieb integriert und hat nur früh morgens oder nach getaner Arbeit am Abend Zeit für ihre Pferde. Ihr Herz schlägt aber immer noch für die edlen Vierbeiner und sie nutzt die (manchmal) freien Wochenenden für Kutschfahrten oder Ausritte durch die der Toskana oder Andalusien ähnelnde rheinhessiche Bilderbuch-Landschaft.

Rheinhessen: ideale Region für Gerste und Wein

Viele Landwirte in Rheinhessen erweiterten in den 1960er-Jahren ihr Spektrum um den Weinanbau – heute ist Rheinhessen das größte deutsche Weinanbaugebiet. Dabei ist die Region auch ein guter Standort für die Braugerste, denn die klimatischen Bedingungen sind optimal für das Korn: Es braucht 100 Tage von der Aussaat bis zur Ernte und in dieser Zeit viel Wärme. Das geht zwar häufig mit Trockenheit einher, doch der hiesige Lössboden hat einen guten Wasserhaushalt, sodass die Bauern hier mit wenig Niederschlag auskommen – ohnehin braucht Gerste weniger Wasser als andere Getreide. Die sogenannte Bodenzahl liegt mit 85 bis 90 knapp unter dem Maximum von 100: Dieser Wert beschreibt, wie gut der Boden für ertragreichen Ackerbau geeignet ist.

„Man darf die Gerste nicht beerdigen“

Doch der gute Boden ist nur die halbe Miete. Im Frühjahr bereitet Ernst-Otto Rüdinger das Saatbett vor, was viel Fingerspitzengefühl erfordert, denn er muss den perfekten Zeitpunkt finden: Ist der Boden zu nass, verdichtet er sich durch das Befahren mit den Maschinen. Ist er zu trocken, keimt die Gerste nicht richtig. Danach wird angewalzt, damit das Saatgut in der richtigen Tiefe zu liegen kommt. „Wenn sie zu flach liegt, keimt sie nicht, aber man darf sie auch nicht beerdigen“, sagt Rüdinger. Diese Tätigkeit ist entscheidend: „Wenn man vorne Fehler macht, kann es hinten nichts mehr werden“.

Danach hat der Landwirt nicht mehr allzu viel Einfluss auf die Gerste – den Rest regelt mehr oder weniger das Wetter. Ein Problem ist es zum Beispiel, wenn es nach der Aussaat wochenlang nicht regnet. Zu kalt darf es aber auch nicht sein. Oder wenn es in der sogenannten Abreife, also kurz vor der Ernte im Sommer, zu trocken ist. Dann schrumpfen die Körner, werden nicht schwer genug und von der Mälzerei nicht angenommen. Notfalls kann die Gerste als Futtermittel verkauft werden, das bringt aber deutlich weniger Ertrag. Der Agrarwetterbericht ist in dieser Zeit also sehr spannend!

Ernte im Juli

Etwa Mitte Juli wird die Gerste geerntet und zur Lieferung vorbereitet: Das Korn wird gereinigt, halbe und Bruchkörner ausgesiebt, nur die passende Qualität kommt durch. Die Korngröße muss immer stimmen. Lange zuvor wurde mit dem Abnehmer (in diesem Fall BESTMALZ) ein Abnahmevertrag geschlossen, der die Sorte festlegt, die angebaut und garantiert abgenommen wird. Diese Abnahmevereinbarungen sind wichtig, da das Saatgut als sogenanntes Z-Saatgut (zertifiziertes, also von Gersten-Züchtern vermehrtes und angebautes Saatgut) extern zugekauft werden muss. Die Partnerschaft mit BESTMALZ besteht schon seit den 1980er-Jahren. Rüdinger liefert seine gesamte Ernte, etwa 100 bis 120 Tonnen Gerste im Jahr, an die BESTMALZ-Produktionsstätte in Wallertheim.

Es ist immer was zu tun

Nach der Ernte und Auslieferung ist aber keineswegs Ruhe angesagt: Jetzt ist im Weinberg viel zu tun, es stehen Laubarbeiten an oder die Behandlung der Reben gegen Pilzbefall (bei großer Hitze muss das nachts geschehen, weil es sonst Verbrennungen gibt). Im Herbst kommen dann Weinlese und Keltern und die Aussaat von Winterweizen. Im Winter geht es weiter mit der Bodenbearbeitung und den Arbeiten im Weinkeller: probieren, pflegen, die Gärung überwachen. Bis dann bald wieder die Bodenvorbereitung für die Aussaat der Gerste im März ansteht. „Ein Mischbetrieb hat immer zu tun“, sagt Rüdinger.

Und er liebt seinen Beruf, „die Selbstständigkeit, die Freiheit des Berufs, wenn man sieht, was man erzeugt“. Und obwohl er Winzer ist, trinkt er sehr gern auch mal ein Bier!

2017-07-31T13:56:08+00:00 14. Juli 2017|people|