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Strategische Rohstoffsicherung in der Brauwirtschaft
Der Agrarausschuss des Deutschen Brauerbundes hat in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Mälzerbund und Vertretern des Handels folgende gemeinsame Handlungsempfehlung für eine nachhaltige und strategische Rohstoffsicherung in der Brauwirtschaft erarbeitet.
Aktuelle Marktsituation
Nach zwei europaweit überdurchschnittlichen Getreideernten in den Jahren 2008 und 2009 sanken aufgrund des Überangebots an qualitativ hochwertiger Ernteware die Erzeugerpreise für Getreide auf einen Tiefpunkt. Die Landwirtschaft reagierte auf den Preisverfall mit drastischen Flächeneinschränkungen im Getreideanbau und nutzt die Flächen heute insbesondere für den Anbau von Energiepflanzen und von Feldfrüchten, die einerseits ein geringeres Qualitätsrisiko als Sommergerste haben, andererseits deutlich höhere Erlöse erzielen.
Bereits vor der Ernte 2010 gab es erste Marktsignale, die einen Anstieg der Getreidenotierungen an den Börsen nach sich zogen. Die Trockenheit während der Kornausbildungsphase in weiten Teilen Europas, die verheerenden Flächenbrände und der daraus resultierende Exportstop in Russland sowie die wachsenden Futtermittelbedarfsmengen im ostasiatischen Raum ließen die Nachfrage steigen. Mit Beginn der Ernte 2010 und unter dem Einfluss dauerhafter Regenfälle, die vielerorts drastische Ernte- und Qualitätseinbußen nach sich zogen, wurde schnell klar, dass der gestiegenen Nachfrage nach der Ernte nicht genügend Angebotsware gegenüber stehen würde.
Nur dank der großen Überschussmengen aus den vorausgegangenen Ernten, ist es im laufenden Brauwirtschaftsjahr möglich, die Versorgung der Brauwirtschaft aufrechtzuhalten. Trotz des Überschusses stiegen die Preise für Gersten der Ernte 2010 zwischenzeitlich stark an.
Es bleibt jedoch abzuwarten, ob die eingelagerte Ware auch qualitativ hält, was sie auf dem Kontraktpapier verspricht. Qualitätszugeständnisse werden insbesondere gegen Ende der Kampagne auf allen Stufen der Wertschöpfungskette von Fall zu Fall gemacht werden müssen, um die Versorgung bis zum Anschluss an die neue Ernte zu gewährleisten. Bereits heute ist absehbar, dass zur Ernte 2011 die Lager leer sein werden, so dass die „neue Ernte“ auf eine große Nachfrage treffen wird.
Die stark angestiegenen Erzeugerpreise für Getreide im Allgemeinen und für Braugerste im Besonderen werden den seit Jahren anhaltenden Flächenrückgang im Sommergerstenanbau maximal für kurze Zeit aufhalten. Ein nennenswerter Flächenzuwachs ist aus heutiger Sicht für Deutschland und Europa in Summe nicht zu erwarten. Die bei einer Normalernte zu erwartende Braugerstenmenge wird allein in Deutschland eine Fehlmenge von ca. 800.000 bis 1 Mio. Tonnen Braugerste nach sich ziehen, die aus den Nachbarländern gedeckt werden muss. Die Versorgung der heimischen Brauwirtschaft ist deshalb in keiner Weise als gesichert zu beurteilen! Sollte es in einer der drei bedeutenden europäischen Braugerstenregionen – Deutschland, Frankreich und Dänemark – irgendwelche Probleme bei Aussaat, Aufwuchs oder Ernte geben, könnten die Folgen dramatisch sein. Aus diesem Zusammenhang heraus ergibt sich für die Brauereien die dringende Notwendigkeit, Ansatzpunkte für eine nachhaltige Rohstoffsicherung herauszuarbeiten und alle Beteiligten der Wertschöpfungskette, also Brauerei, Mälzerei, Landwirtschaft und Getreidehandel, in diese Konzepte einzubinden.
Eine Möglichkeit, preisliche Schwankungen bei der Rohstoffbeschaffung zu glätten, bietet das „Long Term Agreement“, kurz LTA. Dabei schließt eine Brauerei mit einer Mälzerei einen Mengenkontrakt über eine längere Laufzeit (mehrere Jahre) ab. Die Malzmenge, die Qualitätsparameter, die Transportkosten und der Mälzungslohn sind in diesem Vertrag über die gesamte Laufzeit nahezu fixiert. Mälzungslohn und Transportkosten orientieren sich jedoch oft an gleitenden Klauseln für Personal-, Strom- und Energiekosten sowie an Indizes der variablen Kosten. Der Malzpreis richtet sich demnach schwerpunktmäßig nach dem Einkaufspreis der Braugerste, die in vorab vereinbarten Tranchen während der Vertragslaufzeit im gegenseitigen Einvernehmen der Vertragspartner gekauft wird. Der Mälzer informiert den Brauer zeitnah über den Marktverlauf der Rohware. Beide Partner sind bestrebt, günstige Zeitpunkte zur Rohstoffdeckung zu fixieren. Ein LTA macht jedoch nur Sinn, wenn die Tranchen eine gewisse Grundmenge an zu handelnder Ware darstellen, da der Aufwand für jeden Abschluss in einem gesunden Verhältnis zur Menge stehen muss.
Das LTA trägt aber nicht zur notwendigen nachhaltigen Flächenstabilisierung bei, es sichert lediglich Mälzungskapazität und einen kalkulierbaren Mälzungslohn.
Sicherung des Braugerstenanbaus in Deutschland durch Nachhaltigkeit in der Rohstoffbeschaffung
Grundsätzlich bedarf es eines Umdenkens bei der Rohstoffbeschaffung. Die Globalisierung der Getreidemärkte dominiert längst auch die Preisentwicklungen im Braugerstenmarkt. Internationale Einflüsse, politische Entscheidungen oder Naturereignisse am anderen Ende der Welt wiegen oft schwerer in den Getreide- Notierungen als die Flächenentwicklung und der Ernteausgang in einzelnen Regionen. Die Volatilität der Märkte hat vor diesem Hintergrund enorm zugenommen. Mälzereien müssen einen abgeschlossenen Malzkontrakt zum Tagespreis mit Qualitätsbraugerste gegendecken oder sie riskieren bereits Tage später ein Verlustgeschäft. Brauereien sind deshalb gehalten, sich permanent am Markt zu informieren und die Einkaufsmengen über die Kampagne und ggf. über mehrere Jahre aufzuteilen.
Mehrjährige Vertragsmodelle sind sinnvoll, um die Spitzen der Marktausschläge zu glätten und eine anhaltende Flächennachfrage im Markt zu generieren. So könnte für eine längere Zeitspanne ein für den Landwirt auskömmlicher Erzeugerpreis angeboten und somit eine wirksame und nachhaltige Flächensicherung betrieben werden. Ein permanenter Nachfragedruck in der Landwirtschaft würde auch bei den Erzeugern zu einer übers Jahr gesplitteten Vorvertragsbindung führen, was wiederum Marktpreisspitzen nivellieren und Planungssicherheit bringen würde. Klar muss dabei aber sein, dass die Landwirtschaft nur Braugerstenpreise akzeptieren wird, die sie im Wettbewerb zu anderen Feldfrüchten (auch Energiepflanzen) nicht schlechter stellen und einen angemessenen Ausgleich für das bei Braugerste bestehende Qualitätsrisiko bieten.
Einige Beispiele für Vertragsmodelle zur nachhaltigen Rohstoffsicherung:
1. Mehrjahres-Stufenkontrakt
Beim Mehrjahres-Stufenkontrakt werden Teilmengen der benötigten Malzmenge im Vorgriff auf die nächsten Jahre abgesichert. In den Folgejahren werden die Mengen sukzessive zum jeweils aktuellen Marktpreis erhöht. Der sich für das laufende Jahr ergebende Malzpreis ist ein Mischpreis aus den Einzeleinkäufen der vorangegangenen Jahre. Preisspitzen nach oben und unten werden mit diesem Modell gebrochen. Es entsteht eine permanente in die Zukunft gerichtete Nachfrage für Braugerste, die die Fläche nachhaltig stabilisiert.
Anmerkung: Die Landwirtschaft ist aktuell nur bedingt bereit, über zwei Jahre hinaus Flächen unter Vorvertrag zu nehmen. Deshalb müssen von Seiten der Mälzer derzeit immer wieder längere Laufzeiten von Verträgen vorab an der Börse gedeckt (gehedgt) werden. Erst nachträglich werden die Börsendeckungen mit Flächenverträgen (reale Ware) gefüllt. Es gilt daher, auch die Erzeuger von diesem Modell zu überzeugen, damit sich die nachhaltige Nachfrage auch in der Landwirtschaft in der Bereitschaft zur längerfristigen Vertragsbindung niederschlägt.
2. Anteilige Festlegung von Winterbraugerstenmengen
Winterbraugerstensorten haben nach dem heutigen Stand des Zuchtfortschrittes eine hohe Verarbeitungsqualität in Mälzerei und Brauerei. Die landwirtschaftlichen Vorteile (Ertrag, Erntezeitpunkt, längere Vegetationszeit, Fruchtfolge…) können nur dann genutzt werden, wenn Winterbraugerste aus der Lückenbüßerfunktion herauskommt und auch in Jahren einer ausreichenden Sommergerstendeckung ihre Abnehmer findet. Die Fixierung von Winterbraugerstenanteilen in den Malzlieferverträgen ist die einzige Möglichkeit, die Winterbraugerstenfläche nachhaltig zu mehren. Für die Ernte 2011 wird mit einem Winterbraugerstenaufkommen von 150.000 Tonnen gerechnet. Diese Menge wird nicht reichen, um den Markt ausgleichend zu beeinflussen.
3. Durchgängige Regionalkonzepte mit bzw. ohne Lohnmälzung
Aus dem Versorgungsengpass mit hochwertiger Braugerste in den Jahren 2006 und 2007 haben insbesondere mittelständisch geprägte und sehr regional vertreibende Brauereien Regionalkonzepte entwickelt. Brauereien wickeln die benötigte Malzmenge mit Durchgriff auf die gesamte Erzeugerkette in der Region ab. Wie weit der Begriff „Region“ in den unterschiedlichen Fällen gefasst ist, hängt im Einzelfall vom Risikomanagement und von der Größe der Bedarfsmenge der Brauerei ab. Bestehende Regionalkonzepte reichen in ihrer Struktur von gängigen Malzlieferverträgen mit Regionalbezug bis zu Modellen, bei denen die Brauerei den Rohstoff selbst bei Erzeugergemeinschaften deckt.
Anmerkung: Bei Regionalkonzepten ist darauf zu achten, dass das Rohstoffrisiko nicht einseitig auf die Brauerei übergeht, sondern gleichmäßig auf alle Handelspartner verteilt wird. Das heißt, es sind im Vorfeld Regelungen zu treffen, die beim Auftreten von Qualitätsproblemen und Lieferschwierigkeiten (bis hin zum Totalausfall) zum Tragen kommen.
Die aktuelle Situation auf den Rohstoffmärkten sowie der derzeitige Erzeugerpreis für Braugerste bieten eine historische Möglichkeit, die Wertschöpfungskette im Miteinander zu einen. Nur die Erkenntnis, dass die nachhaltige Rohstoffsicherung anderen Zielen folgen muss als der Spekulation auf den jeweils tiefsten oder höchsten Preis, wird die Produktion und Versorgung mit Qualitätsbraumalzen sicherstellen.
Für Rückfragen steht Herr Schock, Deutscher Brauer-Bund, Telefon 030-209167-20 zur Verfügung.
geschrieben von Deutscher Brauer-Bund e.V/Herr Schock am 16.02.2011 um 16:36.
23.05.12 - In den nächsten 4 Wochen werden wir wohl keine neuen Erkenntnisse bezüglich der Situation in Griechenland bekommen. Erst dann finden Neuwahlen mit ungewissem Ausgang statt.
Einerseits ist ein Ausschluss Griechenlands aus der Eurozone im Regelwerk nicht vorgesehen, andererseits spielen bereits Politiker und Ökonomen mögliche Konsequenzen eines freiwilligen Austritts Griechenlands aus dem Euro und die Einführung einer neuen Währung bzw. Parallelwährung durch. [mehr]
22.05.12 - Nachdem die Angabe der Anbauflächen für Sommergerste beim 1. Saatenstandsbericht auf Schätzungen der Landesförderverbände für Braugerste in Deutschland beruhen, gaben sie lediglich einen ersten Trend wieder. Seit 2. Mai gibt es erste Flächenprognosen für den Anbau von Sommergerste vom Statistischen Bundesamt. Auch bei diesen Zahlen handelt es sich noch um Prognosen und nicht um endgültige Anbauflächenzahlen. [mehr]
21.05.12 - Es sind aktuell bereits über 1 Mio. Euro für das Klimaschutz-Projekt zusammen gekommen. Mit dem Stand vom 21.05.2012 sind es genau 1.144.165 Euro. Die Gelder werden für Wiedervernässung und Aufforstung der Torfmoorwälder im Sebangau Nationalpark in Borneo, Indonesien verwendet. Durch die Kronkorkenaktion werden bis zu 50.000 Hektar Moorfläche zusätzlich geschützt. Für die Umsetzung der Klimaschutz-Maßnahmen sorgt der WWF. [mehr]